Denken braucht Zeit
Wer hat schon Zeit zum Denken?
Über den Tag kommen ich in der Regel nicht dazu.
Termine, Ablenkungen, Verpflichtungen und der Druck, alles unter einen Hut zu bringen. Das führt zu einem Gefühl der inneren Getriebenheit. Äußere Einflüsse steuern einen und wir kommen immer weniger dazu, selbst zu bestimmen, wohin die Reise geht.
Aber dann passiert auch das immer wieder. Es ist Wochenende oder man hat mal ein paar Tage frei. Eigentlich Zeit zum Entspannen und sich erholen, doch genau dann springt der Kopf an. Liefert Ideen, hat auf einmal Pläne, wie man Probleme lösen kann und eine Kreativität, wie man sie seit Wochen nicht gespürt hat.
Warum? Warum immer genau dann, wenn man eben nicht an Arbeit oder andere Verpflichtungen denken wollte.
Doch ich stelle mir dann eher die Frage. Wenn diese ganzen Ideen und Lösungen alle schon da sind, warum kann ich sie nicht dann haben, wenn ich sie brauche?
Weil wir uns keine Zeit nehmen und sie uns selbst geben. Denken und andere kognitive Prozesse können wir nicht parallelisieren. Können sie nicht auslagern. Wir müssen sie tun. Und auch KI ist nur eine Pflaster dabei, denn auch wenn wir vielleicht dadurch in dem Moment schneller eine Antwort erhalten, stärkt das in der Regel nicht unsere kognitiven Fähigkeiten.
Wie gesagt, Denken, Verstehen, Durchdringen und Lernen brauchen Zeit und dabei gibt es keine Abkürzung.
VERSTEHEN – Deep Dive
Stoiker versuchen stets zu unterscheiden, welche Dinge in unserer Macht liegen und welche nicht. Daher ist es umso wichtiger, unsere Energien auf die Dinge zu richten, die wir wirklich selbst beeinflussen können.
Stoisch gesehen sind LLMs Indifferentes. Weder gut noch schlecht. Sie werden erst problematisch, wenn sie unsere Tugenden untergraben: Weisheit (wenn du nicht mehr selber prüfst), Mäßigung (wenn du sie bei allem nutzt), Mut (wenn du schwieriges Denken meidest) und Gerechtigkeit (wenn deine Entscheidungen auf unreflektierten Outputs beruhen).
Dann begeben wir uns in eine Abhängigkeit von externen Dingen, die bestimmt, was wir Denken, wann wir Denken und wie wir Denken.
ENTSCHEIDEN – Research Snacks
Eine MIT-Studie [1] (die noch kein Peer-Review hatte), untersucht genau das_ Was passiert eigentlich, wenn wir unsere kognitiven Denkprozesse an LLMs auslagern.
Die MIT-Studie ‚Your Brain on ChatGPT‘ hat 54 Teilnehmende in drei Gruppen aufgeteilt: LLM, Suchmaschine und Brain-only. Alle mussten in mehreren Sessions Essays schreiben, später wurden die Gruppen getauscht.
Ergebnis: Die Brain-only-Gruppe zeigte die stärkste und breiteste Gehirnaktivität, die Suchmaschinen-Gruppe lag in der Mitte, die LLM-Gruppe hatte die schwächste Vernetzung und erledigte die Aufgaben zwargrundsätzlich gut, aber mit geringerer Originalität und schlechterem Erinnerungsvermögen an den eigenen Text.
Also, Obacht, wenn wir unser Denken aus die Hand geben.
GESTALTEN – Deine Aktion
Stell dir vor, dein Gehirn ist wie ein Muskel im Gym.
LLMs sind eine Art Exoskelett. Wenn du es für jeden Lift nutzt, wirst du zwar mehr Gewicht bewegen, aber deine Muskeln wachsen nicht mehr, teilweise bauen sie sogar ab. Wenn du das Exoskelett dagegen gezielt für schwere Singles benutzt und den Rest selbst hebst, wirst du stärker und schützt deine Gelenke.
Genau so sollten wir LLMs behandeln: als Verstärker, nicht als Ersatz.
Ressourcen
Hier das aktuelle Video von Stoa Novus: „Wie du (fast) jedes Problem löst – mit Stoizismus“
https://youtu.be/SQa09vm_sg8
[1] https://www.media.mit.edu/projects/your-brain-on-chatgpt/overview/
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Danke für deine Zeit und Aufmerksamkeit.
Bis bald,
Andre Schütz
Verstehen. Entscheiden. Gestalten.
