Fehlerkultur heißt nicht: alles egal
Im DACH-Raum sind wir oft gut im Fehlersuchen. Präzise, gründlich, manchmal gnadenlos.
Das Problem beginnt dort, wo Fehlersuche zur Personensuche wird.
Wer war’s?
Wer hat es freigegeben?
Wie konnte das passieren?
Diese Fragen sind nicht immer falsch. Aber sie greifen zu kurz, wenn sie nur dazu dienen, einen Schuldigen zu markieren. Dann entsteht eine Kultur, in der Menschen weniger über Risiken sprechen, später warnen und lieber absichern als lernen.
Gerade in Zeiten von Tempo, KI, Informationsflut und Entscheidungsdruck ist das teuer.
Systeme werden komplexer. Fehler verschwinden nicht. Sie wandern nur aus dem Sichtfeld.
# Linse
Stoisch betrachtet ist die zentrale Frage nicht: „Wie kann ich vermeiden, jemals falsch zu liegen?“
Die bessere Frage lautet: „Wie erkenne ich schneller, dass mein Urteil falsch war?“
Das ist fester Charakter: nicht unfehlbar wirken, sondern korrigierbar bleiben.
Senecas Abendprüfung zeigt diese Haltung im Kleinen. Er untersucht den Tag. Was war gut? Wo bin ich abgewichen? Was mache ich morgen anders? Kein Theater. Keine Pose. Nur klare Rechenschaft.
Moderne Fehlerforschung kommt aus einer anderen Sprache, aber in dieselbe Richtung. Van Dyck, Frese, Baer und Sonnentag zeigen, dass eine Error Management Culture positiv mit Leistung zusammenhängt [2]. Guchait et al. fanden ähnliche Zusammenhänge für Organisation, Management-Team und Kreativität in der Hospitality-Branche [3]. Die Pointe ist kontraintuitiv: Gute Fehlerkultur senkt nicht den Anspruch. Sie erhöht die Lernrate.
Auch Selbstmitgefühl ist dabei kein weiches Extra. Eine Studie mit Intensivpflegekräften zeigte, dass mehr Selbstmitgefühl mit besserer mentaler Gesundheit und Job-Performance verbunden war, vermittelt über geringere psychische Belastung [5]. Wer sich nach Fehlern innerlich zerlegt, bindet Energie an Scham. Wer klar bleibt, kann korrigieren.
Die aktuelle Folge dazu hier sehen: https://youtu.be/zp5s_HxijyU
# Übung oder Protokoll
Führe ein 20-Minuten-Fehlergericht ein. Nicht über Menschen. Über Entscheidungen.
Vier Fragen reichen:
Was ist passiert? Nur Fakten. Keine Deutung.
Welche Annahme war falsch? Nicht: Wer war dumm? Sondern: Welches Bild der Lage war unvollständig?
Welcher Schutz hat gefehlt? Checkliste, Vier-Augen-Prinzip, Test, Pause, bessere Übergabe?
Was ändern wir konkret? Eine kleine Änderung, ein Verantwortlicher, ein Termin.
Wenn du führst, beginne mit deinem eigenen Fehler. Nicht als Inszenierung. Als Signal: Hier wird Verantwortung nicht bestraft, sondern präzisiert.
# Merksatz
Strenge fragt nicht zuerst, wer schuld ist, sondern was beim nächsten Mal anders sein muss.
# Ressourcen
[2] Van Dyck, C., Frese, M., Baer, M., & Sonnentag, S. (2005).
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16316276
[3] Guchait, P., Qin, Y., Madera, J., Hua, N., & Wang, X. (2020).
https://www.researchgate.net/publication/325910704_Impact_of_error_management_culture_on_organizational_performance_management-team_performance_and_creativity_in_the_hospitality_industry
[4] Horvath, D. (2020).
https://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de/13225
[5] Bahrami Nejad Joneghani, R., Dustmohammadloo, H., Bouzari, P., Ebrahimi, P., & Fekete-Farkas, M. (2023).
https://www.mdpi.com/2227-9032/11/13/1884
___
Danke für deine Zeit und Aufmerksamkeit.
Bis bald,
Andre Schütz
Verstehen. Entscheiden. Gestalten.
Immer auf dem Laufenden bleiben?
Abonniere den Momentum-Newsletter!
Von André Schütz
Gründer von Stoa Novus, Softwareentwickler, Autor,
Praktiker an der Schnittstelle von Stoizismus, Wissenschaft, KI und Selbstführung.
Mehr auf der About Seite.
Das Stoa Novus Buch
