Was du nicht übst, wird schwächer
KI reduziert Reibung. Das ist ihr Nutzen. Und ihr Risiko.
Sie nimmt dir die leere Seite. Die erste Gliederung. Den unsauberen Gedanken. Die mühsame Formulierung. Den Moment, in dem du noch nicht weißt, was du eigentlich sagen willst.
Das fühlt sich effizient an. Oft ist es das auch.
Aber nicht jede Reibung ist Verschwendung. Manche Reibung ist Training. Wer nie selbst beginnt, trainiert nicht das Beginnen.
Wer nie selbst ordnet, trainiert nicht Ordnung. Wer nie selbst formuliert, trainiert nicht Präzision.
Bequemlichkeit entsteht selten als schlechte Absicht. Sie entsteht als Anpassung an ein Werkzeug, das den schwierigsten Teil zuverlässig entfernt.
# Linse
Epiktet beschreibt einen einfachen Mechanismus: Fähigkeiten werden durch entsprechende Handlungen erhalten und gestärkt. Lesen durch Lesen. Schreiben durch Schreiben. Urteilen durch Urteilen. Wer eine Fähigkeit nicht gebraucht, verliert nicht sofort Intelligenz. Er verliert Verfügbarkeit.
Moderne Forschung zeichnet ein ähnliches Bild. In der Studie von Lee et al. berichteten Wissensarbeiter, dass GenAI kritische Denkaktivitäten weniger anstrengend machte; je nach Denkaktivität wurden „weniger“ oder „viel weniger“ Aufwand zwischen 55 und 79 Prozent der Fälle genannt. Die Autoren beschreiben eine Verschiebung: weg von Informationssuche, Problemlösung und Ausführung; hin zu Verifikation, Integration und Aufgabenaufsicht.
Das kann produktiv sein. Aber nur, wenn die neue Rolle aktiv bleibt. Aufsicht ohne eigene Kriterien wird zur Durchwinkinstanz.
Automation Bias verschärft das. Ein systematischer Review von Goddard, Roudsari und Wyatt fand 74 relevante Studien aus 13.821 Treffern. Vertrauen, Zeitdruck, Aufgabenkomplexität und Workload beeinflussen, wie stark Menschen automatisierten Empfehlungen folgen.
Unter Druck wirkt KI nicht nur hilfreich. Sie wirkt endgültig.
Die aktuelle Folge hier sehen: https://youtu.be/MBbqSp4VbZo
# Übung oder Protokoll
Nutze die Erst-denken-dann-KI-Regel:
Vor jedem KI-Prompt schreibst du selbst drei Zeilen:
Meine These: Was will ich sagen?
Mein Kriterium: Woran erkenne ich eine gute Antwort?
Mein Risiko: Was darf auf keinen Fall falsch, verzerrt oder ausgelassen sein?
Erst danach fragst du KI.
Nach dem Output prüfst du nicht nur Stil, sondern Verantwortung: Trägt der Text meine Absicht? Sind die Kriterien erfüllt? Ist eine wichtige Unsicherheit sichtbar?
Das dauert zwei Minuten. Es hält dich in der Gleichung.
# Merksatz
Was KI dir dauerhaft abnimmt, übst du irgendwann nicht mehr.
# Ressourcen
[1] Lee, Sarkar, Tankelevitch, Drosos, Rintel, Banks & Wilson, 2025
https://dl.acm.org/doi/10.1145/3706598.3713778
[2] Goddard, Roudsari & Wyatt, 2012
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21685142
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Danke für deine Zeit und Aufmerksamkeit.
Bis bald,
Andre Schütz
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Von André Schütz
Gründer von Stoa Novus, Softwareentwickler, Autor,
Praktiker an der Schnittstelle von Stoizismus, Wissenschaft, KI und Selbstführung.
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