Was weiß ich wirklich?
Es ist ermüdend, wenn man auch nur teilweise mit den Fortschritten bei den KI Modellen mithalten möchte. Jede Woche ein neuer Benchmark, neue Open Source Modelle und marketingtechnisch clever aufbereitete Vergleiche, welche die meisten kaum noch nachvollziehen können.
Na ja, muss ja auch, denn aktuell sieht es noch nicht so aus, als würde das ein nachhaltiges Geschäft werden.
Aber dennoch, es ist anstrengend. Ein Experte gibt seine Meinung ab, ein anderer versucht diese zu widerlegen und in verschiedenen Foren und Social Media Kanälen weiß es sowieso jeder am Besten.
Und wir? Wir denken irgendwann: Ich muss doch auch eine Meinung haben!
Wir behandeln Tempo wie Dringlichkeit. Lautstärke wie Relevanz. Wiederholung wie Beleg. Und das eigene Bauchgefühl wie Urteilskraft.
Der Reuters Institute Digital News Report 2025 [1] zeigt für Deutschland: Viele Menschen meiden Nachrichten inzwischen zumindest gelegentlich. Nicht, weil ihnen alles egal wäre, sondern weil der Nachrichtenstrom erschöpft, verunsichert und die Stimmung belastet. Zugleich gelten Influencer, politische Akteure und manche Plattformen für viele als zentrale Quellen möglicher Desinformation.
Das ist der Druckpunkt unserer Zeit: Verantwortung verlangt Urteil. Der Informationsraum belohnt Reaktion.
Die Frage ist deshalb nicht: „Was ist meine Meinung?“Die bessere Frage lautet: Was weiß ich wirklich?
# Linse
Die Stoiker hatten dafür eine nüchterne Unterscheidung: Eindruck ist nicht Urteil.
Ein Eindruck kommt ungefragt. Ein Satz trifft dich. Ein Bild macht dich wütend. Eine Zahl beruhigt dich. Eine Schlagzeile aktiviert dich.
Aber Zustimmung ist ein zweiter Schritt.
Zwischen „Das wirkt wahr“ und „Ich halte es für wahr“ liegt ein kleiner Raum. In diesem Raum beginnt ein klarer Kopf.
Die moderne Kognitionsforschung bestätigt die Richtung. Menschen überschätzen oft, wie gut sie komplexe Dinge verstehen. Dieses Phänomen wird als „illusion of explanatory depth“ [2] beschrieben. Solange wir nur konsumieren, fühlt sich vieles verstanden an. Sobald wir erklären müssen, wie etwas genau funktioniert, werden die Lücken sichtbar.
Das gilt für Politik. Für Wirtschaft. Für Gesundheit. Für KI. Für Konflikte im eigenen Leben.
Die gefährlichste Form von Unwissen ist nicht: „Ich weiß es nicht.“
Die gefährlichste Form ist: „Ich glaube, ich weiß es.“
Die aktuelle Folge von Stoa Novus „Wie du unter Druck besser entscheidest!“, findest du hier: https://youtu.be/o8MWa-n49Cs
# Übung
Vor einer Reaktion, Entscheidung oder Weiterleitung: 90 Sekunden epistemische Buchhaltung.
Schreibe vier Sätze.
1. Ich weiß:
Was ist direkt beobachtet, gut belegt oder aus einer belastbaren Quelle nachvollziehbar?
2. Ich vermute:
Was ergänze ich, weil es plausibel klingt, zu meiner Erfahrung passt oder von Menschen gesagt wird, denen ich vertraue?
3. Ich fühle:
Welche Emotion macht das Thema größer, dringlicher oder eindeutiger, als es vielleicht ist?
4. Ich tue jetzt:
Muss ich handeln, prüfen, nachfragen, warten oder schweigen?
Der entscheidende Punkt: In die erste Zeile darf nur Wissen. Keine Deutung. Keine Absichtszuschreibung. Kein „Man sieht doch“. Kein „Das ist typisch“.
Wenn die erste Zeile leer bleibt, ist das kein Scheitern. Es ist Klärung.
Dann lautet die angemessene Haltung nicht Meinung, sondern Prüfung.
Und manchmal ist die reifste Handlung: noch nicht zustimmen.
# Merksatz
„Wer Wissen und Vermutung trennt, verliert Panik und gewinnt Handlungsspielraum.“
# Ressourcen
[1] https://leibniz-hbi.de/en/hbi-news/pressinfo/german-findings-of-the-reuters-institute-digital-news-report-2025/
[2] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3062901
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Danke für deine Zeit und Aufmerksamkeit.
Bis bald,
Andre Schütz
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Von André Schütz
Gründer von Stoa Novus, Softwareentwickler, Autor,
Praktiker an der Schnittstelle von Stoizismus, Wissenschaft, KI und Selbstführung.
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