Klugheit schützt nicht vor Selbsttäuschung
Letzte Woche ging es um den ersten Impuls, den wir bei einer negativen Nachricht verspüren.
Aber … das schwierigere Problem beginnt danach.
Denn auch wenn du nicht sofort reagierst, kann dein Denken längst begonnen haben:
Es will dich vermutlich verteidigen, ohne wirklich den Sachverhalt geprüft zu haben.
Unsere Intelligenz sucht Belege für das Urteil, das bereits feststeht. Sie entdeckt Fehler auf der Gegenseite schneller als in der eigenen Argumentation. Und je besser wir für uns formulieren, desto überzeugender kann sich diese Selbstverteidigung anfühlen.
Das wird besonders relevant, wenn Emotion und Identität mit im Spiel sind: Politik, Führung, Elternschaft, Unternehmertum, Status oder die eigene Gruppe.
Aktuelles Video dazu: https://youtu.be/GGSlr84BtIg
# Linse
Kahan und Kollegen ließen Versuchspersonen eine schwierige Datentabelle interpretieren. Einmal ging es um eine unpolitische Frage zu einer Hautbehandlung, einmal um das politisch aufgeladene Thema Waffenrecht. Bei der politischen Version nahm die Polarisierung mit höherer Zahlenkompetenz nicht einfach ab, sondern war sogar ausgeprägter.
Das Experiment ist kein Beweis dafür, dass kluge Menschen grundsätzlich voreingenommener sind. Aber es zeigt etwas:
Analytische Fähigkeiten garantieren nicht unbedingt eine neutrale Prüfung, wenn das Ergebnis die eigene Identität betrifft.
Mark Aurel beginnt das zweite Buch seiner Selbstbetrachtungen mit der Erwartung, schwierigen, undankbaren und überheblichen Menschen zu begegnen. Entscheidend ist aber seine Schlussfolgerung, dass deren Verhalten kein Grund ist, selbst gegen die menschliche Gemeinschaft zu agieren.
Nicht der andere bestimmt den Standard meines Urteils.
# Übung
Wenn du von deiner Position sehr überzeugt bist, stelle dir diese Fragen:
- Was müsste wahr sein, damit ich meine Meinung ändere? (In Bezug auf meine Überzeugung.)
- Welche Informationen suche ich gerade nicht, weil sie meiner Position schaden könnten?
- Kann ich das Gegenargument so formulieren, dass ein vernünftiger Mensch sagt: „Ja, das ist fair und ich stimme dem zu“?
- Will ich hier etwas klären oder einfach nur gewinnen?
Wenn du auf die erste Frage keine Antwort hast, prüfst du wahrscheinlich keine Argumente mehr. Du verteidigst nur deine Annahme.
# Merksatz
Wer nur Gründe für die eigene Seite sucht, denkt nicht genauer. Er verteidigt sich nur.
# Quelle
[1] Out-group animosity drives engagement on social media
https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2024292118
[2] Motivated numeracy and enlightened self-government
___
Danke für deine Zeit und Aufmerksamkeit.
Bis bald,
Andre Schütz
Verstehen. Entscheiden. Gestalten.
Immer auf dem Laufenden bleiben?
Abonniere den Momentum-Newsletter!
Von André Schütz
Gründer von Stoa Novus, Softwareentwickler, Autor,
Praktiker an der Schnittstelle von Stoizismus, Wissenschaft, KI und Selbstführung.
Mehr auf der About Seite.
Das Stoa Novus Buch
